Aufwachen im Kloster Ihlow

Ulrich Habel

| 3 Minuten

Kloster Ihlow, Ostfriesland. Das wiederaufgebaute Kloster mit seinem markanten Stahlskelett kurz nach dem Sonnenaufgang

Aufwachen im Kloster Ihlow

Veröffentlicht: 12.02.2022
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Es sollte ein weiterer Versuch der Aufnahme der Klangräume rund um das Kloster Ihlow werden. Insbesondere die Glocke hatte es mir angetan. Aus vergangenen Ausflügen wußte ich in etwa wann ich da sein wollte: 8 Uhr am Morgen. Komm mit, packe dir einen heißen Tee oder Kaffee ein und wir wachen mit dem Kloster Ihlow auf.

Klar, mal wieder kalt. Die letzten Tage kam immer mal wieder die Sonne durch und man konnte es tagsüber bei zweistelligen Temperaturen sehr gut aushalten. Heute, zum Aufnahmetag am Kloster Ihlow begrüßte mich das Expeditionsfahrzeug mit vereisten Scheiben. Prima! Mir war danach warm und die Scheiben so mitteleisfrei. Die paar Minuten zum Kloster Ihlow gingen schnell vorbei, Ostfriesland lag unter einer dicken Frostschicht. Noch war die volle Pracht der Einkristalle auf den Bäumen noch nicht zu erkennen, Sonnenaufgang sollte irgendwo um 8 Uhr morgens herum sein. Ich war das einzige Auto auf dem riesigen Parkplatz. Schnell das ganze Aufnahmezeug geschultert und los in Richtung des Klosters.

Auf dem Weg zum Kloster kommt man an einer Installation vorbei - “Friesische Freiheit” von Monika Kühling 2003. Auch wenn ich dort schon häufiger entlang ging, bleibe ich jedes mal stehen und suche mir Zeile für Zeile zusammen. Kaum ist die letzte Zeile gelesen geht es schon wieder weiter - durch einen noch schlafenden Wald. Viele der Vögel sind noch nicht auf und schlafen noch, der Trageesel ist schon wach! Nachdem ich die letzten Male direkt in dem Kloster aufgebaut hatte und von der Ergebnissen nicht ganz überzeugt war, baute ich diesmal ein paar Meter entfernt vom Kloster auf der Wiese auf.

Das Stahlskelett des Kloster Ihlow
Field Recording auf der Wiese mit Røde NT5 Mikrofonen auf Røde SB20 Stereo Bar, Manfrotto Nanopole
Die Kälte zeigt sich auf einem gefrorenen Ast, es war bitterlich kalt
Ein bisschen zu kalt zum Hinsetzen. Bank vor dem gefrorenen Teich in Kloster Ihlow

Die Wiese war noch tief verfroren, die Kabel wurden innerhalb von kurzer Zeit vollkommen steif. Hoffentlich wird die Batterie des Recorders halten, war mein erster Gedanke. Nach kurzer Zeit war alles zusammengesteckt, die Mikrofone waren ausgerichtet, ich drückte die Aufnahme Taste und entfernte mich von der Aufnahmestelle. Ich habe gelernt, dass selbst die kleinste Bewegung ein Rascheln an der Jacke erzeugt, welches sich anschließend garantiert in der Aufnahme wiederfindet.

Endlich, die Glocke schlägt laut und deutlich, es ist acht Uhr morgens. Mit der Glocke wachen alle Vögel auf und in den nächsten Minuten darf ich einem tollen Vogel Konzert beiwohnen. Zahlreiche Spechte (3) sorgen für den erforderlich Rhythmus, schlagende Äste im Wind sorgen für weitere Percussion Elemente. Leider kamen auch zu dieser Zeit immer wieder Spaziergänger vorbei, die mehr oder minder laut Moin riefen. Oder da war noch das Auto, welches zum Museumbetrieb gehört, welches um kurz vor acht ankam und wenige Sekunden nach der Glocke wieder abfahren sollte.

Die ersten Sonnenstrahlen tauchen den Wald in ein goldenes, sanftes Licht
Noch einmal der Blick zurück auf das Kloster Ihlow im Winter. Die Sonne ist gerade aufgegangen.
Friesische Freiheit von Monika Kühling, 2003. Installation im Wald
Installation Friesische Freiheit von Monika Kühling, 2003.

Ich hatte zwar ein tolles Gefühl bezüglich der Aufnahme, wußte jedoch nicht ob ich die Glocke laut und klar aufgenommen habe, ob ich die Spaziergänge werde entfernen können. Nach vielen Stunden des Editieren, Mischens und Masterings bin ich zufrieden und schließe damit ein Kapitel: Kloster Ihlow. Danke für die Momente, die ich dort erleben konnte, die Vögel, die Glocke, die ersten Sonnenstrahlen und auch danke für die kalten Füße. Es war schön nach einer langen Arbeitswoche wieder einmal rauszukommen und sich sanft von den ersten Sonnenstrahlen streicheln zu lassen.

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